„Es ist schön zu sehen, wie Kinder über sich hinauswachsen“ - Ein Interview mit unserer Lesemama Julia
- christiankrumbein
- vor 5 Tagen
- 4 Min. Lesezeit

Das Leseeltern-Projekt ist ein wichtiger Bestandteil unseres Schulalltags in Niederseeon. Monat für Monat engagieren sich Eltern aus unserer Schulgemeinschaft, um die Kinder der Grundstufen beim Lesen zu begleiten.
In diesem Interview berichtet Julia, Mutter einer Schülerin aus der GS4, von ihren Erfahrungen als Lesemama. Sie erzählt, was sie motiviert hat mitzumachen, welche Eindrücke sie aus den Lesestunden mitnimmt und warum diese besondere Form der Leseförderung für sie so wertvoll ist.
Julia, wie bist du Lesemama geworden?
Eigentlich ganz unkompliziert. Zu Beginn des Schuljahres wurde gefragt, ob Eltern sich vorstellen könnten, für einen Monat als Leseeltern zu unterstützen. Ich fand die Idee sofort schön, weil Lesen bei uns zu Hause eine große Rolle spielt. Außerdem war ich neugierig darauf, den Schulalltag einmal aus einer anderen Perspektive zu erleben.
Wie läuft eine typische Lesestunde für dich ab?
Während der Lesezeit kommen die Kinder nacheinander zu mir - und dann lesen wir etwa zehn Minuten gemeinsam.
Das Kind liest laut vor und ich höre zu. Wenn ein Wort schwierig ist, unterstützen wir – manchmal hilft es, das Wort zu zerlegen oder den Satz noch einmal langsam zu lesen. Manchmal sprechen wir auch kurz darüber, worum es im Text geht.
Diese zehn Minuten sind eine sehr ruhige und konzentrierte Zeit, weil wir wirklich eins zu eins arbeiten können.
Mit wie vielen Kindern liest du ungefähr an einem Termin?
In der Regel sind es etwa sechs bis acht Kinder pro Woche. Dadurch entsteht eine schöne Mischung: Manche Kinder kommen sehr selbstbewusst, andere sind anfangs etwas schüchterner. Aber nach wenigen Minuten merkt man meistens, wie sie auftauen.
Viele Kinder freuen sich schon richtig auf ihre Lesezeit.
Was ist dir besonders aufgefallen, wenn du mit den Kindern liest?
Mich beeindruckt vor allem, wie unterschiedlich die Kinder an das Lesen herangehen. Manche lesen schon sehr flüssig, andere arbeiten sich noch Wort für Wort voran. Aber bei allen merkt man, dass sie stolz sind, wenn sie eine schwierige Stelle gemeistert haben.
Besonders schön ist es zu sehen, wenn ein Kind merkt: „Ich kann das eigentlich schon viel besser, als ich dachte.“
Diese kleinen Erfolgsmomente sind wirklich berührend.
Welche Rolle spielt der Lesepass dabei?
Der Lesepass gibt den Kindern eine gute Orientierung. Die Bücher sind von den Lehrkräften ausgewählt und haben unterschiedliche Schwierigkeitsgrade und Themen.
Die Kinder wissen, dass sie Schritt für Schritt ihren Pass vervollständigen können. Das motiviert sehr. Einige erzählen mir sogar schon vorher, welches Buch sie als nächstes lesen möchten.
Man merkt, dass sie stolz sind, wenn sie wieder ein Stück weitergekommen sind.
Gab es einen Moment, der dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Ja, tatsächlich. Es gab einen Jungen, der am Anfang sehr zurückhaltend war. Beim ersten Mal wollte er sich am liebsten in eine ruhige Ecke setzen und hat nur ganz leise, fast flüsternd gelesen. Dabei hat man schnell gemerkt, dass er eigentlich sehr gut lesen kann – sogar deutlich besser, als man es für sein Alter erwarten würde.
Trotzdem hat er sich zunächst nicht richtig getraut, vielleicht auch einfach, weil ich für ihn noch eine fremde Person war.
Mit der Zeit hat sich das aber verändert. Von Woche zu Woche wurde er etwas sicherer, hat mehr Vertrauen gefasst und liest inzwischen ganz selbstverständlich bei mir. Mittlerweile kommt er sogar richtig gerne zur Lesezeit.
Solche Entwicklungen zu beobachten – wie Kinder Vertrauen gewinnen und sich Schritt für Schritt öffnen – gehört für mich zu den schönsten Momenten als Lesemama.
Wie hast du die Atmosphäre während der Lesestunden erlebt?
Sehr konzentriert, aber gleichzeitig entspannt. Die Kinder wissen, dass es hier nicht um eine Bewertung geht, sondern einfach darum, gemeinsam zu lesen.
Manche finden die vorgelesene Geschichte äußerst lustig – und kichern während des Vorlesens. Andere stellen zwischendurch Fragen oder halten inne und reichern die Geschichte mit etwas Hintergrundwissen zu dem Thema an. Dadurch entstehen kleine Gespräche über Bücher, Figuren oder spannende Stellen.
Es fühlt sich weniger wie „Unterricht“ an, sondern eher wie ein gemeinsamer Moment rund ums Lesen.
Was nimmst du persönlich aus deiner Zeit als Lesemama mit?
Vor allem eine große Wertschätzung für die Arbeit der Kinder und der Lehrkräfte. Man bekommt einen sehr direkten Eindruck davon, wie viel Entwicklung in kurzer Zeit passieren kann.
Und es macht einfach Freude, Teil dieser Lernreise zu sein. Ich habe viele kleine Fortschritte miterlebt und gesehen, wie Kinder mutiger werden.
Würdest du anderen Eltern empfehlen, Lesemama oder Lesepapa zu werden?
Absolut. Der zeitliche Aufwand ist überschaubar, aber der Einblick und die Erfahrung sind unglaublich wertvoll.
Man unterstützt nicht nur die Kinder beim Lesen, sondern wird auch Teil einer sehr schönen Lernkultur. Für mich ist es eine bereichernde Erfahrung – und ich würde es jederzeit wieder machen.
Das Engagement von Eltern wie Julia zeigt, wie lebendig unsere Schulgemeinschaft ist. Durch die Unterstützung der Leseeltern entsteht ein Raum, in dem Kinder üben, wachsen und Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten entwickeln können.
Wir danken allen Eltern, die sich als Leseeltern engagieren und damit einen wichtigen Beitrag zur Leseförderung an unserer Schule leisten!
Mehr über die Idee der Leseeltern, den Lesepass und die Organisation des Projekts an unserer Montessori-Schule können in unserem ausführlichen Hintergrundartikel zum Leseeltern-Konzept nachgelesen werden.




