Unser Schutzkonzept: Warum Kinder eine Sprache brauchen
- blum-katharina
- vor 4 Tagen
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Die Sprechstunde und der Kummerkasten sind in Niederseeon oft der erste Anlaufpunkt für Sorgen aller Art. Doch was gehört noch alles zum Schutzkonzept, damit unsere Schule ein sicherer Ort für alle ist und bleibt?
Wir haben mit Lisi als Präventionsbeauftragte und unserem Schulleiter Ronny darüber gesprochen, wie sie den Schüler*innen eine Sprache für ihre Bedürfnisse geben, warum Prävention bereits im Kleinen beginnt und wie wir Eltern dabei unterstützen können.
Frage: Lisi, mit welchen Themen kommen unsere Kinder zu Dir in die Sprechstunde in die neue Oase?
Lisi: Neben dem Kummerkasten ist die Sprechstunde für die Kinder das niederschwelligste Angebot, weil sie wissen, dass dort auf jeden Fall jemand für sie da ist. Momentan kommen vorrangig Kinder aus der Grundstufe – wahrscheinlich, weil ich dort viel arbeite und sie mich besser kennen. Wenn die Älteren kommen, haben sie oft schon gravierendere Probleme. Da geht es um Themen wie Konflikte zu Hause oder mit Mitschüler*innen, Essstörungen, Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und auch Suizidalität. Ich war teilweise überrascht, dass schon so junge Kinder Themen wie Körperunzufriedenheit mitbringen oder das Gefühl haben, wegen ihres Aussehens gehänselt zu werden.
Frage: Welche Angebote gibt es neben Sprechstunde und Kummerkasten noch? Lisi: Wir haben für alle Altersstufen – also GS, MS, PS und OS – spezielle Workshops für die Kinder, die das Thema Prävention sexualisierter Gewalt behandeln. Und für die Lehrer*innen behandeln wir das Thema jährlich in Workshops. Da geht es zum Beispiel darum: Was ist überhaupt sexualisierte Gewalt? Was sind Täterstrategien? Wie gehe ich selbst mit Grenzen um? Wir reflektieren das eigene pädagogische Handeln: Was ist eine Grenzverletzung? Wo ist Verhalten angemessen oder unangemessen?

Ronny: Die Montessori-Pädagogik an sich hilft uns bereits durch den starken Fokus auf die Beziehungsarbeit der Lehrkräfte zu den Schüler*innen. Grundsätzlich sollten unsere Lehrkräfte Vertrauenspersonen für die Kinder sein. Auch die Team-Tandems in vielen Gruppen helfen schon, Dinge zu platzieren. Wenn ich als Schüler*in mit einem Lehrer oder einer Lehrerin keinen guten Draht habe, gibt es immer noch eine andere Person.
Ein wichtiges Augenmerk legen wir deshalb in unserer Pädagogik auf die Beziehung, die Nähe und Augenhöhe zwischen Schüler*innen und Lehrer*innen. Das bedeutet aber auch, dass sich alle Erwachsenen immer wieder ihrer Rollen klar werden müssen. Lehrer*in in der Montessori-Schule zu sein heißt nicht, „Kumpel“ zu sein, sondern eine neue Art von Autorität und Zuwendung zu entwickeln, ohne das in dieser Beziehung liegende Machtgefälle zu missbrauchen. Mit unseren Lehrer*innen schauen wir außerdem auch immer wieder hin: Wo sind Bereiche auf dem Gelände oder im Alltag, die sich für unsere Schüler*innen unsicher anfühlen. Um solche Plätze zu finden, habt Ihr vergangenes Jahr auch eine Potenzial- und Risikoanalyse gemacht. Zudem gibt es die jährliche Schüler*innenumfrage. Warum braucht es zusätzlich noch ein niedergeschriebenes Schutzkonzept?
Ronny: Als ich vor fünf Jahren in die Schulleitung gekommen bin, war mir das ein ganz wichtiges Anliegen. Wir müssen uns als Institution hier professionalisieren. Es ging darum, Abläufe, Anlaufstellen und mehr, die es ja auch schon gab, zu bündeln und allen bewusst zu machen. Für die Schüler*innen war und ist es uns wichtig, ihnen eine Sprache und einen Raum zu geben. Gerade nach der Corona-Zeit hatten wir viele Kinder, die gereizter waren und schneller zu verbalen Attacken oder Aggressionen neigten. Wir haben uns für die Erarbeitung in den letzten Jahren zeitweise Unterstützung durch externe Anbieter geholt. Auch der Landesverband hatte das Thema erkannt, die Schulen vernetzt und wir haben Konzepte verbandsweit erarbeitet.
Grundsätzlich ist es aber immer eine Entwicklung: Die Schule fing als Elterninitiative an – und irgendwann kommt der Punkt, an dem sich Dinge verstetigen müssen. Man braucht feste Stellen, Räumlichkeiten und eine gewisse Wichtigkeit im Schulalltag. Und es ist ein nicht endender Prozess, diese Konzepte weiter zu schreiben und mit Inhalten zu füllen.

Frage: Was macht gute Präventionsarbeit noch aus?
Lisi: Das Wichtigste ist: Wir müssen darüber sprechen. Kinder brauchen eine Sprache, um überhaupt sagen zu können, falls etwas ist. Je sensibler wir damit umgehen, desto besser ist die Präventionsarbeit. Und wir brauchen verschiedene Anlaufstellen, nicht nur eine Person. In den Toiletten hängen zum Beispiel Nummern von Beratungsstellen aus, damit man sich ganz niederschwellig und unbeobachtet Hilfe suchen oder eine Nummer abfotografieren kann.
Ronny: Die Vernetzung mit regionalen Stellen wie dem Frauennotruf oder dem Jugendamt ist wichtig. Diese informellen Kontakte helfen, wenn Fragen aufkommen, damit man Schüler*innen kompetente Unterstützung vermitteln kann. Ganz wichtig ist natürlich auch die Zusammenarbeit mit den Eltern. Hier braucht es ein Verständnis und eine Zusammenarbeit. Dies gelingt nicht immer, denn es gibt auch Eltern, für die es schwierig ist, dass wir so offensiv mit dem Thema umgehen. Sie haben das Gefühl, wir würden „schlafende Hunde wecken“ oder Kinder verunsichern. Gleichzeitig hat uns die Situation im Kindergarten Niederseeon aus dem letzten Herbst gezeigt, dass es wichtig und richtig ist, im Vorfeld zu sensibilisieren und Anlaufstellen und Kommunikationswege aufzuzeigen.
Frage: Was würdet Ihr Euch von uns Eltern wünschen? Wie können wir unterstützen?
Lisi: Ich finde es wichtig, als Eltern so offen wie möglich zu sein und altersgerecht über Sexualität oder den Körper zu sprechen. Kinder brauchen eine Sprache, um Körperregionen benennen zu können. Das Andere, was mir total wichtig ist: generell über Gefühle, Bedürfnisse und Grenzen zu sprechen – und diese zu akzeptieren. Ein Bewusstsein dafür schaffen: Was gefällt mir? Was gefällt mir nicht? Wie fühlt sich mein Körper heute an?
Kinder, die in ihren Bedürfnissen ernst genommen und gehört werden, sind sich später viel sicherer in der Artikulation, wenn etwas nicht läuft oder ihre Grenzen überschritten werden. Und es ist total wichtig, das Kind in seinen Äußerungen ernst zu nehmen. Ich habe mal eine Studie gelesen, dass Kinder, die Missbrauch erlebt haben, sich oft mehrmals äußern müssen, bevor sie wirklich gehört werden. Manchmal werden sie erst beim achten Mal bzw. an der achten Anlaufstelle ernst genommen. Mir ist es ein großes Anliegen zu sagen: erstmal Glauben schenken und zuhören.
Ronny: Ja, das sehe ich auch so. Fragt eure Kinder immer wieder, ob sie wissen, an wen sie sich wenden können für ihre Anliegen. Schaut als Eltern, wie die Wege an der Schule sind für eure Anliegen und helft uns durch Rückmeldungen dabei, immer klarer zu werden.





