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„Sie wollen, aber sie können nicht“ – Schulforum zum Thema Neurodiversität

  • andreageisslitz
  • vor 4 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit


Am 26. Januar widmete sich unser Schulforum dem Thema Neurodiversität. Als Experten waren Dr. Nikolaus von Hofacker, Kinder- und Jugendpsychiater und ehemaliger Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychosomatik am Klinikum Harlaching, sowie Florian Beutel, Vater an unserer Schule und Kinder- und Jugendpsychotherapeut mit eigener Praxis in Grafing, zu Gast.


Etwa 5% der Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind von ADHS betroffen, damit ist ADHS die häufigste psychiatrische Erkrankung des Kindes- und Jugendalters und in jeder Schulklasse sind statistisch gesehen 1-2 betroffene Schüler*innen. Nach Einschätzung der Lehrkräfte ist der Anteil der ADHS-Kinder in Niederseeon mehr als doppelt so hoch.


Rund 70 Eltern und Lehrkräfte nahmen an der Online-Veranstaltung teil, um mehr darüber zu erfahren, wie in Schule und Familie mit Verhaltensbesonderheiten wie ADHS, Hochsensibilität und Autismus umgegangen werden kann – und wann eine therapeutische Intervention sinnvoll ist.


Das Spannungsfeld Neurodiversität

Zu Beginn beleuchtete Dr. Nikolaus von Hofacker das Spannungsfeld, das im Zuge der Neurodiversitätsdebatte entsteht. Er betonte, wie positiv es sei, dass die enorme Bandbreite der Normvarianz zunehmend anerkannt werde und nicht jedes vermeintlich abweichende Verhalten pathologisiert werde. Gleichzeitig warnte er davor, dass das Leiden, das durch neurodiverse Ausprägungen entstehen kann, dabei manchmal aus dem Blick gerate und nicht ausreichend behandelt werde.


Dr. Nikolaus von Hofacker, Kinder- und Jugendpsychiater und ehemaliger Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychosomatik am Klinikum Harlaching
Dr. Nikolaus von Hofacker, Kinder- und Jugendpsychiater und ehemaliger Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychosomatik am Klinikum Harlaching

Aus seiner langjährigen Erfahrung berichtete er auch, wie schnell es zu sogenanntem „Parent Blaming“ komme. Sein klares Statement dazu:„ Es wird oft übersehen, dass es Kinder gibt, die es ihren Eltern schwerer machen als andere Kinder.“


In seiner Arbeit legt er deshalb großen Wert darauf, wesensmäßige Unterschiede herauszuarbeiten, um eine passende Behandlung zu ermöglichen.


Denn Konzentrationsprobleme können sehr unterschiedliche Ursachen haben:

  • Kinder mit ADHS haben häufig eine hohe Reizschwelle, sie benötigen starke Reize, um sich aktiviert zu fühlen.

  • Kinder mit einer niedrigen Reizschwelle hingegen sind schnell überreizt und können sich deshalb ebenfalls schlecht konzentrieren.

  • Auch Traumata können Konzentrationsprobleme auslösen. Da Emotions- und Aufmerksamkeitsregulation eng miteinander verknüpft sind, fällt es Kindern mit Ängsten oder Depressionen oft schwer, sich zu fokussieren.

Unter dem Label ADHS werde seiner Meinung nach manchmal zu vieles zusammengefasst und zu schnell medikamentös behandelt. „Wichtig ist, die Kinder in ihrer Unterschiedlichkeit zu erkennen und dann zu prüfen, welche Behandlung wirklich indiziert ist“, betonte von Hofacker.


Warum frühe Diagnostik sinnvoll ist


Kinder mit ADHS sind stärker darauf angewiesen, dass etwas „kickt“, um ihr Dopaminsystem zu aktivieren. Repetitive, monotone oder wenig sinnstiftende Aufgaben fallen ihnen daher besonders schwer. Die Aufmerksamkeitsstörung ist für die Kinder oft mit großem Leid verbunden, da sie Anforderungen vermeiden und immer wieder Frustration erleben.

Viele Kinder spüren sehr genau: „Ich bringe die PS, die ich habe, nicht auf die Straße.“


Florian Beutel, Vater an unserer Schule und Kinder- und Jugendpsychotherapeut mit eigener Praxis in Grafing
Florian Beutel, Vater an unserer Schule und Kinder- und Jugendpsychotherapeut mit eigener Praxis in Grafing

Florian Beutel brachte es auf den Punkt: „Sie wollen eigentlich – aber das Gehirn kann es nicht.“

Je früher eine Diagnose gestellt wird, desto früher können diese Kinder unterstützt werden, Strategien zu entwickeln, um motivationale Hürden zu überwinden. Beutel stellte in diesem Zusammenhang die wichtige Frage: „Welche Nebenwirkungen kann eine unterlassene Diagnostik haben?“

Er berichtete, dass viele Kinder und Jugendliche eine Diagnose als große Entlastung empfinden. Gerade Kinder mit hohen kognitiven Fähigkeiten können lange kompensieren, doch spätestens in der Pubertät merken sie, dass ihnen vieles schwerer fällt als Gleichaltrigen – was sich schnell negativ auf den Selbstwert auswirken kann.

Auch beim Thema Autismus wurde die Bedeutung einer Diagnostik hervorgehoben: Sie schafft Verständnis auf beiden Seiten und kann den Leidensdruck beim Kind bzw. Jugendlichen und dem Umfeld deutlich senken. Zwar gibt es keine Therapien, die Autismus „heilen“, wohl aber bewährte Ansätze, die helfen, mit spezifischen Schwierigkeiten besser umzugehen. So fehlen Betroffenen in sozialen Situationen z.B. oft die „Verkehrszeichen“ – eine Diagnose ermöglicht es, mit bewährten Verfahren gezielt Strategien und Werkzeuge zu entwickeln.


Wie Schule unterstützen kann


ADHS-Kinder lassen sich häufig über Beziehung stimulieren. Hier kann die Montessori-Pädagogik punkten, etwa wenn über die persönliche Beziehung zwischen Kind und Lehrkraft vermittelt wird, warum ein bestimmtes Material oder Thema interessant ist.


Grundsätzlich gilt: Je konkreter und sinnstiftender Aufgaben sind, desto besser können sich neurodiverse Kinder motivieren.


Für Lehrkräfte stellt sich dabei die Frage: Wie kann sich dieses Kind aktivieren, ohne andere zu stören? Manchen Kindern helfen Bewegung, Kritzeln, Wippen auf dem Stuhl oder leise Musik zur Selbststimulation, andere brauchen Ruhe und Rückzugsmöglichkeiten.


Eine Lehrkraft fasste es treffend zusammen: „Sie wollen, aber sie können nicht. Sie finden den Hebel nicht. Wir versuchen, mit neuen, aufregenden Impulsen und kleinen Challenges –zum Beispiel: Wie viel schaffst du in fünf Minuten? – den Einstieg in die Arbeit zu erleichtern.“



Wie Medikamente und Therapie helfen können

Dr. von Hofacker betonte, dass Medikamente bei ADHS eine sehr wirksame Unterstützung sind und zu schnellen Erfolgserlebnissen führen können. ADHS-Medikamente machen nicht süchtig, eine sorgfältige Abwägung und eine gute Dosierung sind aber dennoch entscheidend.

Gleichzeitig beobachtet er, dass die Bereitschaft zur Medikation hoch ist, während andere therapeutische Möglichkeiten zu wenig Beachtung finden.


Florian Beutel stimmte dem zu und verwies auf wissenschaftlich fundierte Leitlinien, die ab einem bestimmten Schweregrad eine medikamentöse Behandlung dringend empfehlen.


Unabhängig davon seien Schulung und Begleitung von Kindern und Eltern zentral: „Bei allen neurodivergenten Problematiken ist eine vollständige Beseitigung nicht möglich.“


Für die therapeutische Arbeit sei deshalb entscheidend, individuell zu schauen: Was kann ich wie trainieren? Eltern müssten dabei zu „Super-Eltern“ werden – nicht im Sinne von Perfektion, sondern weil sie diejenigen sind, die ihr Kind im Alltag begleiten und unterstützen.

Im Vordergrund psychotherapeutischer Behandlung stehen häufig sekundäre Probleme wie ein angeschlagener Selbstwert, eingeschränkte Emotionsregulation, Ängste und Unsicherheiten. Gleichzeitig wurde in der Diskussion der Teilnehmenden deutlich, wie schwierig es derzeit ist, Therapieplätze zu finden und vor welcher Herausforderung Eltern stehen, die sich Hilfestellung über Medikamente heraus wünschen.


Was das Elternhaus tun kann

Ein zentrales Thema bei ADHS ist aus Sicht der beiden Experten die Begrenzung des Medienkonsums. Bildschirmmedien sind eine starke Dopaminquelle; Kinder lernen schnell, sich über Video-Schauen, Gaming und Social Media zu regulieren, anstatt andere Strategien zu entwickeln. Gerade bei ADHS ist der Suchtfaktor deutlich erhöht.

Eltern stehen hier vor einer großen Herausforderung: Medienbegrenzung gelingt selten kampflos, ist aber ein neuralgisches Thema. Eltern müssen ihr Kind dabei begleiten, Frustration auszuhalten, klare Positionen zu beziehen und Grenzen zu setzen – auch wenn das unangenehm ist.


Denn für diese Kinder gilt laut Florian Beutel nicht nur beim Medienkonsum: Sie brauchen mehr Leitplanken als Freiheit.



 
 
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