IzEL lesen und verstehen: Ein Blick hinter die Kreuze
- blum-katharina
- vor 30 Minuten
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An der Montessori-Schule Niederseeon gibt es keine klassischen Notenzeugnisse, sondern das IzEL. Wenn Eltern diesen Bericht mit den Informationen zum Entwicklungs- und Lernprozess zum ersten Mal in den Händen halten, wirkt der Bogen oft sehr komplex. Um den Blick auf die vielen Kreuze und Tabellen zu erleichtern und den Aufbau verständlich zu machen, hat unser Schulleiter Ronny Haselow hier einige Fragen dazu beantwortet.
Warum wir auf Noten verzichten
Noten sind in der Regelschule der Versuch, dem Schüler oder der Schülerin und den Eltern einen schnellen Überblick über den Leistungsstand zu geben. Sie setzen sich aus vielen Einzelbewertungen im Schuljahr zusammen und suggerieren Objektivität und Vergleichbarkeit. Wenn man näher hinschaut, wird dies aber überhaupt nicht erreicht. Noten sind oft subjektiv gefärbte Momententscheidungen, die die weitere Laufbahn der Benoteten bestimmen. Als Machtinstrument der Lehrkräfte sind sie gefürchtet. Deshalb arbeiten wir in der Montessori-Schule ohne Noten.
Dies ist mittlerweile auch in der Regelschulwelt angekommen und wird seit einigen Jahren vor allem im Grundschulbereich durch Entwicklungsberichte und die Einschätzung in Kompetenzrastern ersetzt, so wie es in Montessorischulen schon lange gehandhabt wird, z.B. durch das IzEL.

Allgemeines & Funktion
Was genau ist das IzEL?
Das IzEL steht für „Informationen zum Entwicklungs- und Lernprozess“. Es ist ein alternatives Dokumentationsinstrument an Montessori-Schulen, das anstelle des klassischen Notenzeugnisses der Regelschulen genutzt wird. In dieser Dokumentation sind Beobachtungen zur Persönlichkeitsentwicklung, zum Sozial- und Arbeitsverhalten und zum Lernstand in den einzelnen Fächern festgehalten.
Im IzEL wird versucht, der fachlichen Bandbreite der einzelner Fächer und Disziplinen gerechter zu werden, denn eine Zensur in Mathematik kann nicht differenziert darstellen, dass ich vielleicht im Bereich Geometrie sehr sicher bin, aber im Kopfrechnen noch nicht so.
Hat jede Montessori-Schule ihr eigenes IzEL?
Nein. Das IzEL wurde vom Montessori-Landesverband Bayern entwickelt und ist für alle Mitgliedsschulen ein verpflichtendes Korsett. Hier wird zwischen den Hauptfächern, die in allen Schulen gleich sind, und den Nebenfächern unterschieden, da durch die zusätzlichen Angebote in den Schulen oft auch das jeweilige Profil deutlich wird.
Ziel eines verbindlichen Rückmelderahmens unter den Montessori-Schulen war es, ein Qualitätsmerkmal gegenüber den Aufsichtsbehörden zu entwickeln, um vielleicht einmal selbst anerkannte Zeugnisse ausstellen zu können und weniger abhängig von externen Prüfungsschulen zu sein. Dieses schulpolitische Ziel wurde bisher nur bedingt erreicht.
Die Praxis: Wie kommt das IzEL zustande?
Das IzEL ist ein Arbeitsmittel, mit welchem Lehrkräfte und SchülerInnen nach dem dialogischen Prinzip Kompetenzen der SchülerInnen einordnen. Das bedeutet: Das IzEL soll nicht einfach von den Lehrerinnen und Lehrern fertig erstellt überreicht werden, sondern mit einer Selbsteinschätzung der SchülerInnen abgeglichen werden. Wie dieser Prozess abläuft, unterscheidet sich nach dem Alter der Kinder:
In den unteren Klassen führen die Lehrkräfte die SchülerInnen dabei eng durch das Dokument zu ihren Fächern, da es immer wieder den Austausch zu einzelnen Kompetenzen braucht. Dies passiert in Arbeitsgesprächen und vor allem zum Halbjahr und zum Schuljahresende bzw. vor Elterngesprächen. Das IzEL soll das ganze Jahr immer wieder als Gesprächsgrundlage genutzt werden.
In den oberen Klassen erhalten die SchülerInnen und Schüler im besten Fall (hier ist leider die technische Entwicklung des IzEL-Programms noch teilweise limitiert) eine Freischaltung und kreuzen ihre Selbsteinschätzung eigenständig an. Anschließend werden das Schüler-IzEL und das Lehrer-IzEL übereinandergelegt. Weichen die Wahrnehmungen stark voneinander ab, gehen Lehrkraft und SchülerInnen in den aktiven Dialog, um die Einschätzungen abzugleichen.
Der Blick ins Dokument:
Wie wird der Lernfortschritt der Kinder dargestellt?
Das IzEL wird in Niederseeon jahrgangsbezogen angekreuzt. Die Kreuze geben so auch einen direkten Hinweis auf den Leistungsstand des Kindes bezogen auf das, was im staatlichen Regelsystem der jeweiligen Klasse verlangt wird. Allerdings unterscheidet sich der Regelschullehrplan und der interne Lehrplan in Niederseeon in einigen Punkten, da wir eine Vergleichbarkeit zur Regelschule erst nach 9 bzw. 10 Jahren herstellen müssen und weil es Auftrag von Alternativschulen ist, das bestehende System mit neuen Impulsen voranzubringen. Deshalb darf es beim Lesen des IzELs nicht darum gehen, daraus Rückschlüsse auf Noten im staatlichen System herauszulesen.
Konkret heißt das auch, dass es keine Stagnation im Lernfortschritt bedeuten muss, wenn das Kreuz in zwei Jahrgängen bei „Basiskenntnissen“ verbleibt, sondern eventuell sogar eine Weiterentwicklung, weil der Kenntnisstand entsprechend der nächsten Klassenstufe neu eingeschätzt wurde.
Alle Bereiche, die die SchülerInnen nicht bearbeitet haben, werden nicht im IzEL aufgeführt, womit das IzEL ein sehr positives Instrument ist und … je umfangreicher es ist, umso aktiver war der Schüler oder die Schülerin.
Konkrete Fragen zum Lernfortschritt in einzelnen Bereichen werden am besten in den Entwicklungsgesprächen anhand des IzELs beantwortet, da natürlich die Eltern oft nicht das Wissen zu den Kompetenzerwartungen nach den internen Lehrplänen haben.
Was bedeuten die Stufen „Anfänge“, „Basis“, „Gesichert“ und „Vertieft“?
Zur Einschätzung des Kenntnisstandes dienen feste Kriterien. Diese vier Stufen bauen wie folgt aufeinander auf:
Anfänge: Das Kind hat Kontakt mit dem Material oder erhält die Einführung durch die Lehrkraft (vorbereitete Umgebung, Kreisangebote).
Basis: Das Kind arbeitet am Thema, benötigt dabei aber noch Unterstützung.
Gesichert: Das Kind beschäftigt sich selbstständig damit und die Aufgaben gelingen in den meisten Fällen.
Vertieft: Abstraktionsprozesse beginnen. Das Kind wendet das Gelernte (z. B. Bruchrechnen) auf alltägliche Situationen an.




Welches Niveau wird erwartet, um den bayerischen Lehrplan zu erfüllen?
Diese Frage kann ich so nicht beantworten. Wir erwarten kein Niveau, um den bayerischen Lehrplan zu erfüllen. Wir erwarten ein individuell angepasstes Niveau von unseren sehr unterschiedlichen SchülerInnen. Wir sind mit ihnen und den Eltern so in Kontakt, dass wir das individuelle Leistungsvermögen sehen und dementsprechend fördern und fordern. Zwar sind wir eine genehmigte Grund- und Mittelschule, doch unsere Schülerschaft ist viel heterogener. Hier lernen Kinder mit besonderen Förderbedarfen und Kinder auf Gymnasialniveau.
Außerdem geht es bei uns nicht nur um schulische Inhalte, sondern vor allem auch darum, wer unsere SchülerInnen sind und wie sie sich den Herausforderungen des Lebens stellen.
Wie schon gesagt, lehnen wir uns an den bayerischen Lehrplan an, haben jedoch einen abgeänderten internen Lehrplan. Unsere Lehrkräfte kennen natürlich die Kompetenzerwartungen des bayerischen Lehrplanes und stellen immer wieder und insbesondere auch vor den externen Abschlussprüfungen Relationen zum Leistungsstand der SchülerInnen her.
Wenn es bei Anfängen und Basis bleibt: Muss bei bestimmten Kompetenzen irgendwann eine bestimmte Einstufung erreicht werden?
Zum Fortschreiten in die nächste Jahrgangsstufe braucht es keine bestimmten Einstufungen im IzEL in unserer Schule. Wichtig für uns Lehrkräfte ist die Arbeitshaltung und die Sozialkompetenz.
In Niederseeon gibt es demnach kein klassisches „Sitzenbleiben“, was ja meistens als Bestrafung empfunden wird. Manchmal brauchen Kinder länger oder schreiten schneller voran, dann wird der Umgang damit in einem gemeinsamen Prozess mit Kindern, Lehrkräften und Eltern entschieden.
Abschlüsse, Übertritte & Sonderfälle
Wie hilft das IzEL den Kindern beim Schulabschluss?
Da unsere SchülerInnen keine Jahresfortgangsnoten bekommen, dient das IzEL als Dokumentation für das Schulamt, falls die Schülerin oder der Schüler nicht an den Abschlussprüfungen teilnimmt. Es bestätigt daraufhin den erfolgreichen Mittelschulabschluss komplett ohne Noten. Für die Behörden existiert im Hintergrund ein Übersetzungsschlüssel des Landesverbandes, auf dem Zeugnis des Kindes selbst tauchen diese Zensuren jedoch nicht auf.
Stellt die Schule mit Hilfe des Übersetzungsschlüssels Übertrittszeugnisse für weiterführende Schulen nach der Grundschule aus?
Nein, das wird ganz bewusst nicht gemacht. Für den Übertritt an eine Regelschule wird stattdessen ein Wortgutachten inklusive einer schulspezifischen Empfehlung ausgestellt, womit Regelschulen in der Regel problemlos arbeiten.
Was passiert, wenn ausnahmsweise doch ein Notenzeugnis benötigt wird?
In begründeten Einzelfällen, zum Beispiel für ein Auslandsjahr, stellt die Schule – in Kooperation mit dem Schulamt – ein Notenzeugnis aus.





